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Ein Bericht von terre des hommes Deutschland e.V. (www.tdh.de )
Vertrieben, verachtet und vielerorts vergessen: Die San im südlichen
Afrika. Die bei uns noch immer als Volk der »Buschmänner« bekannten San
leben vor allem in der Kalahari-Wüste in Südwestafrika. Jetzt gibt es
für sie eine gute Nachricht, dank des »Abnehm-Elixiers P57«: Wenn der
US-Konzern Pfizer in wenigen Jahren mit seiner neuen
Schlankheits-Wunderwaffe auf den Markt kommt, werden die San an den
Gewinnen aus dem Patent beteiligt. Ein langer Kampf war notwendig, um
diesen Erfolg zu erreichen. Erstmals ging damit ein Pharmaunternehmen
eine solche Verpflichtung ein. Aus gutem Grund: Schließlich basiert das
Elixier P 57 auf dem Hoodia-Kaktus - und auf dem traditionellen Wissen
der San.
Die San sind traditionell ein Volk der Jäger und Sammler. Tagelang
streiften und rannten sie durch die endlosen Sandebenen der Kalahari
auf der Suche nach Nahrung. Soweit es die ständige Umsiedlung zulässt,
tun sie das noch heute. Tagelang, ohne Pause wurden die großen
Kudu-Antilopen von den ausdauernden San-Jägern gehetzt. »Wasser fanden
unsere Männer in den Straußeneiern, die wir dort für sie vergraben
hatten, wo sie jagten«, erinnert sich die alte Qoama. Für
Verschnaufpausen oder gar Jagdgelage blieb keine Zeit. Aushalten
konnten und können die San die Strapazen in der Kalahari durch den
bitteren Hoodia-Kaktus. »Indem die Jäger auf Stücken dieser
gurkengroßen Pflanze herumkauten, unterdrückten sie das Hunger- und
Durstgefühl«, berichtet Qoama.
Früchte der Wüste: Die San sind Überlebenskünstler
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Symbol der Würde
Die kleine Frau mit dem bunten Kopftuch kennt sich aus mit den
Pflanzen und wilden Früchten ihrer Heimat. Qoama hat schon von ihrer
Mutter gelernt, dass die vitaminreiche Morama-Nuss eine
abwechslungsreiche Nahrungsergänzung zum Maisbrei-Einerlei ihrer
Familie ist. Sie weiß ganz genau, welche wilde Knolle und Pflanze gegen
bestimmte Leiden hilft. Nur von Vitaminen oder Diäten hat Qoama noch
nichts gehört. Erst von ihrem Sohn erfuhr die alte Frau, dass die
Beteiligung der San am Diät-Mittel P57 einen riesigen Erfolg darstellt.
Zum ersten Mal in der afrikanischen Geschichte ist es einer
einheimischen Minderheit gelungen, traditionelles, gemeinschaftliches
Wissen gegenüber einem Pharmazie-Multi einzuklagen.
Noch auf dem »UN-Gipfel für nachhaltige Entwicklung 2002« in
Johannesburg war eine solche Gewinnbeteiligung undenkbar gewesen. Bei
der Unterzeichnung des Übereinkommens zwischen dem südafrikanischen
San-Verband »San Council« und dem »Südafrikanischen Rat für
Wissenschafts- und Industrieforschung« (CSIR) Ende März erklärte der
Minister für Kunst und Kultur, Ben Ngubane: »Dieses Abkommen
symbolisiert die Wiederherstellung der Würde ursprünglicher Völker.«
Von den monatelangen juristischen Diskussionen ihres Volkes mit dem
CSIR hat Qoama nur wenig mitbekommen. Dass die San nach zähem Ringen
jetzt aber sechs Prozent von den Gewinnen aus dem Patent des
Wundermittels P57 bekommen sollen, freut die vielfache Mutter und
Großmutter sehr: »Der Hoodia-Kaktus ist unsere Familientradition.« P57
lautet der Name, den der britische Pharmakonzern Phythopharm der
chemischen Hoodia-Substanz gegeben hat, die 1996 von der CSIR
patentiert worden und wenig später von Phytopharm gekauft worden war.
Die Presse feierte die Droge schnell als »Schlankheitstraum«, und die
Pharmaindustrie prognostizierte eine Revolution des sieben Milliarden
Euro schweren Diätmarktes - ohne dabei an das jahrhundertealte Wissen
der San zu denken. »Doch durch diesen wichtigen Vertrag findet das
traditionelle Wissen unserer Vorväter jetzt endlich Beachtung. Wir
wollen alle Aspekte unseres Erbes bewahren und schützen«, erläutert
Petrus Vaalbooi, Vorstandsmitglied des südafrikanischen San-Verbandes.
Im Jahr 2001 entdeckte die westliche Pharmaindustrie die Hunger und
Durst stillende Wirkung des Hoodia-Kaktus. Zunächst ließ sich
Phythopharm die Patentrechte des Appetitzüglers P57 sichern. Kurz
darauf erwarb der amerikanische Pharmagigant Pfizer, bereits
erfolgreich mit dem Potenzmittel Viagra, die Rechte für P57 - für 17
Milliarden Euro. Die San vom Volk der »!Kung«, auf deren Wissen die
Entdeckung basierte, wollten sich das millionenschwere Volkswissen
jedoch nicht einfach stehlen lassen. Die Organisation WIMSA
(»Arbeitsgruppe für einheimische Minderheiten im südlichen Afrika«)
half den San, ihre Rechte durchzusetzen. »Die San fühlten sich
betrogen. Es war, als ob jemand ihr Familiensilber gestohlen hatte und
es mit riesigem Gewinn verkaufen wollte«, erklärt der
WIMSA-Menschenrechtsanwalt Roger Chenells. Die Arbeit von WIMSA wird
vom entwicklungspolitischen Kinderhilfswerk terre des hommes finanziell
unterstützt.
Flucht und Vertreibung
Die rund 100.000 San leben in Namibia, Botswana, Sambia, Südafrika
und Angola. Die Wüste Kalahari, die zwei Drittel des Territoriums von
Botswana bedeckt und bis in den Norden Südafrikas hineinreicht, ist ihr
hauptsächliches Lebensgebiet. Dieses Volk von Jägern und Sammlern
bildet zusammen mit den Vieh züchtenden Khoinkhoin - die von den
deutschen Kolonisatoren einst abfällig als »Hottentotten« benannt
wurden - die Urbevölkerung des südlichen Afrikas. Typisch für die San
sind die Klicklaute ihrer Sprache - im Computerzeitalter mit vor- oder
nachgestellten Sonderzeichen wie !, ‡,? oder ¶ dargestellt.
Die Geschichte des Wüstenvolks ist geprägt von Flucht und
Vertreibung: Bantuvölker, holländische und deutsche Kolonialherren
mordeten, versklavten und verjagten die verachteten »Buschmänner« in
unwirtliche Regionen der sengend heißen Kalahari-Wüste. Erst vor kurzem
wurde der letzte in einem spanischen Museum ausgestopft vorgezeigte
»Buschmann« nach Botswana überführt und dort beerdigt.
Bei aller Freude über den Verhandlungserfolg: Der Vertrag zwischen
westlich geprägtem Wissenschaftsrat und traditioneller Urbevölkerung
ist nur ein erster winziger Schritt: Die Existenz, das Wissen und die
Unabhängigkeit der San sind heute mehr denn je in Gefahr. Ausgebeutet
als billige Farmhelfer, militärische Fährtenleser und belächelte
Touristen-Fotoobjekte, versuchen die einst so starken und stolzen
Ureinwohner Südafrikas, sich der neuen Zeit anzupassen. Viele
straucheln in Alkoholsucht und Armutsspirale.
Eine menschenwürdige, gerechte Zukunft für afrikanische Minderheiten
wie die San hat sich die terre des hommes-Partnerorganisation WIMSA auf
ihre Fahnen geschrieben: Ihre Mitarbeiter planen Farmprojekte,
möglicherweise auch den großflächigen Anbau des Hoodia-Kaktus. Weitere
WIMSA-Projekte sind die Förderung von Brunnenbau und Viehzucht ebenso
wie juristische Unterstützung der San. Für sie ist es ist eine Frage
des Überlebens, die eigenen Traditionen zu schützen und gleichzeitig
neue Lebensformen zu erlernen. Die Gewinnbeteiligung am Diätmittel P57
kann helfen, die Überlebenschancen der San zu sichern.
Die Gewinnanteile aus P57 sollen an alle regionalen San-Verbände
gezahlt werden. Daher wurde von CSIR und San-Verbänden eine »San Hoodia
Treuhhandgesellschaft« gegründet, deren Mitglieder Vertreter der CSIR,
der regionalen San-Verbände, der WIMSA und ein Vertreter des
südafrikanischen Amtes für Wissenschaft und Technologie sind. Der
Gewinn für die San durch die Vermarktung des Diätmittels wird
vermutlich bei über einer Million Euro liegen. Mit einer
Markteinführung ist aber frühestens 2008 zu rechnen. Erst dann fließt
auch Geld auf das Konto der Überlebenskünstler aus der Wüste Kalahari.
»Ich weiß nicht, ob ich das noch selbst erleben werde«, sagt Qoama.
»Aber das Geld wird unserem Volk helfen, seine Traditionen zu bewahren.«
terre des hommes fördert die Arbeit von WIMSA zur Unterstützung der San. Ihre Spende kann helfen:
Spendenkonto terre des hommes
Kontonummer 700 800 700
Volksbank Osnabrück e.G.
BLZ 265 900 25
Weitere Spendeninformationen sowie die Möglichkeit zur Online-Spende finden Sie unter www.tdh.de/spenden/.
Susanne Höke
Der Abdruck des Artikels ist kostenlos; wir bitten Sie aber, uns
über Ihre Veröffentlichung zu informieren und Belegexemplare zu
schicken: Bitte wenden Sie sich an Cornelia Dernbach, terre des
hommes-Pressereferat, Tel. (05 41) 7101-126, eMail:
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Weitere Informationen / Links
Ihre Ansprechpartnerin bei terre des hommes: Renate Giesler, Telefon (05 41) 71 01-193, eMail
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Fotos
Früchte der Wüste: Die San sind Überlebenskünstler
Foto: Steve Felton
Kompression: JPG/JFIF
Format/Auflösung: 1381 x 2068 Pixel, 300 DPI
Dateigröße: 737 KB
Abdruck honorarfrei
Trockener Vorgarten: Mühsamer Anbau in der Kalahari-Wüste
Foto: Steve Felton
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Abdruck honorarfrei
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